Digitalisierung in deutschen Unternehmen: Mittelstand hat Nachholbedarf

Posted by Anna Wilke on 23.03.2017 18:10:48

Von einer eigenen Webseite mit Kontaktdaten und Öffnungszeiten über einen WLAN-Gastzugang für Kunden bis zur Umstellung des Vertriebs auf digitale Kanäle Unternehmen können in ganz verschiedenen Bereichen und vor allem unterschiedlich weit digitalisiert sein. Doch wie sieht das Gesamtbild aus? Wie steht es um die Digitalisierung in den über 3,5 Millionen deutschen Unternehmen? Und wo steht Deutschland im internationalen Vergleich? Diesen Frage geht der Monitoring-Report Wirtschaft DIGITAL einmal im Jahr auf den Grund. Welche Branchen gut dastehen und wer den digitalen Wandel verpasst:

In Sachen Digitalisierung ist Deutschland im vergangenen Jahr nicht stehengeblieben. 55 statt 49 von 100 Punkten erreicht Deutschland im Jahr 2016 beim Digitalisierungsgrad. In fünf Jahren soll der Wert bei 58 Indexpunkten liegen prognostiziert die Studie. Ein Index von Null bedeutet dabei, dass weder Geschäftsabläufe noch unternehmensinterne Prozesse digitalisiert sind und auch keine digitalen Geräte, Dienste und Technologien genutzt werden. 100 Punkte stehen für eine vollständige Digitalisierung des Unternehmens. "Ich finde es sehr beruhigend, dass es in Deutschland in Sachen Digitalisierung insgesamt vorangeht", sagt Sabine Graumann von TNS Infratest, die die Gesamtverantwortung für den Report trägt.

Sabine_Graumann_Zitat

Digitalisierungsgrad stark branchenabhängig

Doch nicht alle Branchen sind gleich gut aufgestellt. Wenig überraschend: Unternehmen aus dem Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie führen das Ranking mit 75 Punkten an. Ebenfalls vorn mit dabei sind wissensintensive Dienstleister mit 70 Punkten. "Unter der Branchenbezeichnung ‚wissensintensive Dienstleister‘ fassen wir Marktforschungsunternehmen, PR- und Unternehmensberatungen, aber auch die Verlagsindustrie, Medienhäuser, Steuerberater oder Architekturbürosdgl. zusammen", erklärt Graumann.

Im Mittelfeld bewegen sich sich sieben der elf untersuchten Branchen: die Finanz- und Versicherungswirtschaft (61), Handel (55), Energie- und Wasserversorgung (48), Maschinenbau (46), Chemie und Pharma (45), Verkehr und Logistik (43) und Fahrzeugbau (40).

Schlusslichter des Rankings sind das Gesundheitswesen und das sonstige verarbeitenden Gewerbe. Hier liegt der Wert mit 39 Punkten deutlich niedriger als der Gesamtdurchschnitt. Bis 2021 prognostiziert die Studie sogar, dass der Digitalisierungsgrad noch weiter sinkt. "Man muss allerdings auch beachten, dass sich nicht alle Branchen gleichermaßen digitalisieren lassen. Bei einer Autowerkstatt ist vielleicht noch die Terminvereinbarung digital möglich, aber dann muss trotzdem noch jemand Hand anlegen und an dem Auto rumschrauben", sagt Graumann.

Großer Nachholbedarf im Mittelstand

Die Studie zeigt auch Unterschiede hinsichtlich der Unternehmensgröße: Während besonders kleine und besonders große Unternehmen gute Indexwerte erhalten, liegt der Digitalisierungsgrad bei mittleren Unternehmen mit 50 Punkten sogar unter dem Durchschnitt. Auch bis zum Jahr 2021 soll sich dieser Wert laut Studie nicht verbessern. "Die deutsche Wirtschaft besteht zu 99,5 Prozent aus kleinen und mittelständischen Unternehmen und die dürfen auf keinen Fall den Anschluss verlieren", sagt Graumann. Gerade im Mittelstand sei das Thema allerdings häufig auch eine Generationenfrage. “Mit der Digitalisierung eines Unternehmens muss sich der Geschäftsführer auseinandersetzen und nicht nur derjenige der gerade für die IT im Unternehmen verantwortlich ist. Nur weil man technische Geräte einsetzt, wird schließlich nicht das Unternehmen digitalisiert. Es braucht einen CEO der den digitalen Wandel auch vorlebt."

Barrieren auf dem Weg zur Digitalisierung

Als größtes Hemmnis für den Ausbau der Digitalisierung geben die Befragten die Unterversorgung mit leistungsfähigen Breitbandverbindungen an (40 %). Mit 38 % ist der hohe Investitionsbedarf die am zweithäufigsten genannte Barriere. Rund ein Drittel der befragten Unternehmen gibt an, dass das der hohe Zeitaufwand für sie eine Hürde darstellt.

28 Prozent aller Unternehmen sehen Im Fehlen verlässlicher Standards eine Barriere. 25 Prozent weisen auf Datenschutz- und Datensicherheitsprobleme hin. Der Fachkräftemangel stellt für 23 % der Unternehmen ein Problem bei der Digitalisierung dar. "Ich habe allerdings den Eindruck, dass einige dieser Hindernisse etwas vorgeschoben werden. Die Deutschen sind Bedenkenträger wir haben hier ein Problem und da ein Problem”, sagt Graumann. Ihrer Meinung nach, hängt der Erfolg von Digitalisierungsprojekten vom Tempo ab: "Schnell handeln und umsetzen. Ich glaube damit würde dem deutschen Standort am meisten geholfen."

Zentraler Faktor für den Erfolg der Digitalisierung sei Geschwindigkeit. Das gelte allerdings nicht nur für die Entwicklung neuer Produkte, sondern auch für die Anpassung gesetzlicher und infrastruktureller Rahmenbedingungen, so Graumann. "Unternehmer und Politiker müssen umdenken: Wir müssen weg von einer umfassenden erschöpfenden Erprobung und Regulierung hin zu einer Fokussierung auf Umsetzungsfragen."

Digitalisierung im internationalen Vergleich

In einem zweiten Teil misst die Studie die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen digitalen Wirtschaft im Zehn-Länder-Vergleich. Das internationale Ranking wird von den USA, Südkorea und Großbritannien angeführt. Es folgen Finnland, Japan und Deutschland auf Platz sechs. Auf den letzten Plätzen landen Frankreich, China, Spanien und Indien.

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Das Ranking ergibt sich aus drei Kernbereichen:

  1. Stellung der digitalen Wirtschaft auf den Weltmärkten
  2. Technische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen
  3. Nutzung digitaler Technologien, Infrastrukturen und Dienste

Während Deutschland im Bereich der technischen und wirtschaftlichen Bedingungen überdurchschnittlich abschneidet, erzielt die deutsche digitale Wirtschaft unterdurchschnittliche Leistungen auf den Weltmärkten. Das liegt beispielsweise daran, dass Deutschland zwar exportstark ist, der Anteil von IKT-Gütern und Dienstleistungen an allen Exporten allerdings relativ gering ist. Auch die IT-Ausgaben in Deutschland sind im internationalen Vergleich gering. Zu den technischen und wirtschaftlichen Bedingungen werden beispielsweise die Breitbandversorgung oder die Verfügbarkeit von Fachkräften gezählt.

In der dritten Kategorie “Nutzung digitaler Technologien, Infrastrukturen und Dienste” schneidet Deutschland im internationalen Vergleich durchschnittlich ab. In diese Kategorie wird beispielsweise gemessen, wie häufig die Deutschen online shoppen, Musik streamen oder soziale Netzwerke nutzen.

Infos zur Studie:

Der Monitoring-Report Wirtschaft digital wird von TNS Infratest und dem ZEW im Auftrag des Bundesministerium für Wirtschaft und Energie erstellt. Er besteht aus zwei Teilen mit unterschiedlichen Erhebungsverfahren:

Teil 1: Wirtschaftsindex DIGITAL Digitalisierungsgrad der deutschen gewerblichen Wirtschaft differenziert nach elf Branchen

TNS Infratest führte von April bis Juli 2016 eine repräsentative Befragung unter 924 Unternehmen aus elf Branchen durch. Es handelte sich um quantitative, computergestützte und standardisierte Telefoninterviews mit geschlossenen und offenen Fragen.

Teil 2: Standortindex DIGITAL  Wettbewerbsfähigkeit der deutschen digitalen Wirtschaft im internationalen Vergleich

TNS Infratest führte eine internationale Sekundäranalyse in Deutschland und neun weiteren Ländern durch. Außerdem wurden in allen zehn Ländern je hundert Experten aus der IKT-Branche befragt. Das ZEW erstellte zudem ergänzende Analysen wie bspw. die Berechnung der Umsätze der Internetwirtschaft.

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